Der deutsche Mittelstand ist das Rückgrat der Wirtschaft – innovativ, anpassungsfähig und leistungsstark. Ehrlich gesagt, hätte ich als Niederländer nicht gedacht, dass ich das einmal so deutlich sagen würde. Doch dieser Mittelstand kann seine Stärke nur dann voll entfalten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und genau daran hapert es in Deutschland gerade.
Digitalisierung mit angezogener Handbremse
Deutschland steht bei der Digitalisierung vor massiven Herausforderungen – das ist längst kein Geheimnis. Noch immer arbeiten viele Behörden mit Papierakten und Faxgeräten, in Schulen stehen Diaprojektoren statt digitaler Tafeln. Hinzu kommen ein schleppender Breitbandausbau, Mobilfunklücken und ein gravierender Mangel an IT-Fachkräften.
Das Problem ist nicht fehlender politischer Wille – sondern mangelndes Tempo und Konsequenz in der Umsetzung. Milliarden fließen in Rüstung und klassische Infrastruktur, doch entscheidend ist die Frage: Investieren wir genug in die Infrastruktur von morgen? In Technologien, die unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern? Ich bin skeptisch.
Deutschland hängt beim digitalen Bezahlen hinterher
Ich bin seit fast 20 Jahren in der Zahlungswelt zu Hause – und am Beispiel des digitalen Bezahlens wird deutlich, wie groß das Versäumnis ist.
Deutschland ist eine führende Industrienation, spielt beim digitalen Bezahlen aber nur in der zweiten Liga. In Ländern wie Schweden, den Niederlanden oder Dänemark werden längst über 70 bis 90 Prozent aller Zahlungen digital abgewickelt. In Deutschland liegt der Anteil gerade einmal bei rund 42 Prozent.
Viele Händler akzeptieren Kartenzahlungen erst ab einem bestimmten Betrag, manche gar nicht. Bei der Fußball-EM 2024 schickten mir Freunde aus dem europäischen Ausland Fotos von langen Schlangen vor deutschen Geldautomaten – sie konnten kaum glauben, dass Bargeld hier noch so alltäglich ist. Das mag ein Schmunzeln hervorrufen, doch das ist nicht Ausdruck von Tradition, sondern von Versäumnis.
Denn auch hierzulande Verbraucherinnen und Verbraucher längst Wahlfreiheit. Sie wollen entscheiden, ob sie bar, mit Karte, Smartphone oder Smartwatch bezahlen – so wie sie auch frei entscheiden, ob sie per Brief oder E-Mail kommunizieren. Ein modernes Land sollte das ermöglichen.
Digitales Bezahlen als Schlüsseltechnologie
Manche halten das für nebensächlich. Doch wer so denkt, unterschätzt die Bedeutung digitaler Zahlungen: Sie sind kein „nice to have“, sie sind Teil der wirtschaftlichen Grundversorgung. Ohne sie funktionieren viele Zukunftsmodelle nicht. Ob beim Laden von E-Autos, im öffentlichen Nahverkehr, beim Onlinehandel oder in der Künstlichen Intelligenz – überall braucht es sichere, interoperable und standardisierte Bezahlprozesse.
Schon heute zeichnen sich Szenarien ab, in denen KI-Systeme selbstständig Transaktionen abwickeln – etwa Autos, die selbständig Tanken und Bezahlen, Maschinen, die Ersatzteile automatisch bestellen, oder virtuelle Assistenten, die Dienstleistungen buchen.
Wenn wir diese Entwicklung verschlafen, werden andere sie für uns gestalten. Schon heute dominieren US-amerikanische Konzerne wie Visa, Mastercard, Paypal, Apple und Google den Markt. Wenn Europa seine digitale Souveränität bewahren will, muss es auch beim Bezahlen eigene Standards setzen – offen, fair und innovationsfreundlich.
Digitalisierung beginnt an der Kasse
Ob in Schulen, in der Verwaltung oder im Alltag – Digitalisierung wird erst dann greifbar, wenn sie konkret erlebbar ist. Wie wir bezahlen, ist daher mehr als eine Frage des Komforts – es ist ein Spiegelbild unseres digitalen Reifegrades.
Deutschland hat alle Voraussetzungen, um auch im digitalen Zeitalter führend zu sein: kluge Köpfe, starke Unternehmen, viele Ideen. Digitalisierung ist kein Nebenprojekt – sie ist Standortpolitik in Reinform. Deutschland hat sich auf den Weg gemacht – aber es ist höchste Zeit, das Tempo zu erhöhen.

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