Der deutsche Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft – innovativ, anpassungsfähig und international geschätzt. Ehrlich gesagt: Als Niederländer hätte ich nicht gedacht, dass ich das einmal so klar sagen würde. Doch in einem zentralen Punkt verlieren wir an Boden: bei der Digitalisierung. Und nirgends zeigt sich dieser Rückstand deutlicher als im Zahlungsverkehr. Denn wie wir bezahlen, ist längst mehr als eine Frage des Komforts – es ist ein Spiegelbild unseres digitalen Reifegrades.
Digitalisierung mit angezogener Handbremse
Seit Jahren ist bekannt, dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt. Viele Ämter arbeiten noch mit Papierakten und Faxgeräten, Schulen nutzen Diaprojektoren, Glasfaser ist in ländlichen Regionen rar, und selbst Mobilfunklücken gehören noch zum Alltag. Auch der Mangel an IT-Fachkräften bremst die Modernisierung zusätzlich.
Dabei fehlt es nicht an Erkenntnis, sondern an Konsequenz und Tempo. Die Bundesregierung investiert Milliarden – in Verteidigung, klassische Infrastruktur, Klimaschutz. All das ist wichtig. Aber entscheidend ist die Frage: Fließen auch genügend Mittel in die Infrastruktur von morgen – in digitale Systeme, Netze und Technologien, die langfristig unseren Wohlstand sichern? Ich bin da skeptisch.
Digitales Bezahlen als Gradmesser
Ein Beispiel, das den Rückstand deutlich macht, ist der Zahlungsverkehr. Deutschland ist eine führende Industrienation – aber beim digitalen Bezahlen spielen wir in der zweiten Liga. In den Niederlanden, Schweden oder Finnland werden über 70 Prozent aller Transaktionen digital abgewickelt, in Dänemark sogar rund 90 Prozent. In Deutschland sind es gerade einmal 42 Prozent.
Das mag banal klingen. Doch digitale Zahlungssysteme sind keine Komfortfrage, sondern Teil der kritischen Infrastruktur. Sie schaffen Transparenz und Effizient, ermöglichen neue Geschäftsmodelle und sind Grundlage für künftige Technologien – von der automatisierten Abrechnung an der Ladesäule eines E-Autos bis hin zu KI-Systemen, die selbstständig Transaktionen ausführen.
Solange wir hier auf halbem Weg stehen bleiben, riskieren wir, dass Innovationen nicht in Deutschland entstehen, sondern importiert werden – oft von US-amerikanischen Technologiekonzernen. Wer digitale Souveränität ernst meint, muss die Grundlagen schaffen, damit heimische Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben.
Wahlfreiheit und Fairness beim Bezahlen
Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten heute, selbst entscheiden zu können, wie sie bezahlen – bar, mit Karte, Smartphone oder Smartwatch. Dennoch akzeptieren viele Händler digitale Zahlungen erst ab einem Mindestbetrag oder gar nicht. Das ist kein Ausdruck von Tradition, sondern von struktureller Rückständigkeit. Fast 40 Prozent der Kundinnen und Kunden brechen Einkäufe ab, wenn keine digitale Bezahloption verfügbar ist – ein Verlust, der niemandem nutzt.
Eine gesetzliche Verpflichtung zur Akzeptanz digitaler Zahlungsmethoden, wie sie derzeit diskutiert wird, wäre daher ein sinnvoller Schritt. Sie würde nicht nur Wahlfreiheit schaffen, sondern auch Steuergerechtigkeit fördern: Jede digitale Zahlung hinterlässt eine nachvollziehbare Spur und erschwert Steuerbetrug, der dem Staat jährlich Milliarden kostet. Besonders in bargeldintensiven Branchen wie der Gastronomie ließe sich damit der faire Wettbewerb stärken.
Digitalisierung als Chance für den Mittelstand
Oft wird behauptet, der Mittelstand sei zu zögerlich, wenn es um Digitalisierung geht. Meine Erfahrung zeigt das Gegenteil: Der Wille ist da, die Bereitschaft ebenso. Was fehlt, sind Ressourcen, Zeit und einfache, skalierbare Lösungen. Große Konzerne haben eigene IT-Abteilungen und millionenschwere Budgets – kleine und mittlere Unternehmen nicht. Wenn Digitalisierung gelingen soll, braucht sie deshalb zwei Dinge: klare politische Leitplanken und praxisnahe Umsetzbarkeit.
Digitalisierung darf keine Bürde sein, sondern muss als Chance verstanden werden – als Werkzeug, um Wettbewerbsfähigkeit, Transparenz und Innovationskraft zu sichern. Politik und Wirtschaft müssen dabei zusammenarbeiten: Der Staat muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, die Wirtschaft muss sie mutig nutzen.

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