Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend Teil unseres Arbeitsalltags. Viele Unternehmen konzentrieren sich derzeit vor allem auf die Einführung neuer Tools. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch oft woanders: Mitarbeitende dabei zu unterstützen, diese Technologien sicher und sinnvoll einzusetzen.
Für Niv Liran, Chief Product and Technology Officer bei Unzer, geht es bei der KI-Transformation deshalb weniger um Technologie allein, sondern vor allem um den Aufbau von KI-Kompetenz im gesamten Unternehmen. Im Gespräch erklärt er, warum Neugier allein nicht ausreicht, weshalb Schulungen die Produktivität deutlich steigern können und warum die eigentliche KI-Kluft heute weniger zwischen Unternehmen als zwischen unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern verläuft.
Viele Unternehmen feiern erste Erfolge bei der Einführung von KI. Sie sagen jedoch, dass Ausprobieren allein nicht reicht. Warum?
Niv Liran: Neugier ist zunächst einmal etwas Positives. Wenn neue Technologien auftauchen, probieren Menschen sie aus und testen, was möglich ist. Aber reine Neugier führt noch nicht zu nachhaltiger Veränderung. Was wir – wie derzeit viele Unternehmen – beobachten: Viele nutzen ein KI-Tool ein- oder zweimal, integrieren es aber nicht automatisch in ihren Arbeitsalltag.
Was hat sich verändert, als Ihnen das klar wurde?
Wie viele Unternehmen haben wir anfangs vor allem darauf gesetzt, allen Zugang zu grundlegenden KI-Tools wie ChatGPT zu geben. Doch wir haben schnell gelernt: Man kann Menschen nicht einfach ein Tool geben und erwarten, dass sich die Arbeitsweise von selbst verändert. Die eigentliche Transformation beginnt erst dann, wenn Teams sich fragen: Wo bringt uns KI im Arbeitsalltag tatsächlich einen Mehrwert? Dafür braucht es Lernen, Ausprobieren und Unterstützung. Es geht darum zu verstehen, an welchen Stellen KI im Arbeitsalltag sinnvoll eingesetzt werden kann – und wo eben nicht. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weniger in der Einführung neuer Tools als im Aufbau von Fähigkeiten und Kompetenzen.
Nicht jede Rolle nutzt heute bereits intensiv KI. Warum sollte KI-Kompetenz trotzdem für alle im Unternehmen wichtig sein?
Weil KI zunehmend die Tools prägt, mit denen wir alle arbeiten – oft, ohne dass wir es überhaupt merken. KI-Kompetenz bedeutet dabei nicht, dass jede:r programmieren oder eigene Modelle entwickeln können muss. Wichtiger ist ein grundlegendes Verständnis dafür, was diese Systeme leisten können, wo ihre Grenzen liegen und wie man Ergebnisse kritisch hinterfragt. Selbst wenn KI für die eigene Rolle heute noch keine zentrale Bedeutung hat, beeinflusst sie bereits Bereiche wie Reporting, Compliance-Prüfungen, interne Prozesse oder die Kommunikation mit Kund:innen – und zunehmend auch die Anforderungen bei Neueinstellungen. Wer KI versteht, kann diese Veränderungen aktiv mitgestalten, statt das Gefühl zu haben, dass sie nur „irgendwo anders“ stattfinden.
Sie waren kürzlich auf der AWS:Reinvent-Konferenz in den USA. Was ist Ihnen dort besonders aufgefallen?
Der entscheidende Unterschied liegt heute nicht mehr darin, ob Unternehmen KI nutzen, sondern wie sie eingesetzt wird. Interessant war außerdem zu sehen, dass die Einführung von KI weniger von Branchen als vielmehr von Tätigkeiten geprägt wird. Entscheidend ist nicht, in welchem Sektor ein Unternehmen tätig ist, sondern welche Aufgaben Mitarbeitende übernehmen. Tätigkeiten, bei denen viel geschrieben, analysiert, entwickelt oder Inhalte erstellt werden, profitieren deutlich schneller von KI als eher operative oder kund:innennahe Aufgaben. Außerdem sehen wir, dass KI besonders bei klar abgegrenzten, kurzen Aufgaben sehr stark ist, während längere und komplexere Tätigkeiten weiterhin deutlich schwieriger bleiben. Ein weiterer wichtiger Punkt auf der Konferenz war: Mitarbeitende, die gezielte KI-Schulungen erhalten hatten, arbeiteten mit KI-Tools etwa doppelt so produktiv wie Menschen ohne entsprechendes Training.
KI kann auch Unsicherheit oder sogar Ängste auslösen. Wie sollten Unternehmen damit umgehen?
Das Schlechteste, was Unternehmen tun können, ist, das Thema auszuklammern. Wenn nicht offen über KI gesprochen wird, füllen Menschen diese Wissenslücken selbst – häufig mit negativen Annahmen oder Unsicherheit. Deshalb sind Transparenz und Lernmöglichkeiten so wichtig. Es braucht Räume, in denen Mitarbeitende offen fragen können: Was wird sich tatsächlich verändern? Was bleibt gleich? Wo liegen Risiken? Und was bedeutet das konkret für mich?
In den meisten Fällen ersetzt KI keine Arbeitsplätze, sondern vor allem repetitive oder administrative Aufgaben. Dadurch bleibt mehr Raum für Urteilsvermögen, Zusammenarbeit und kreative Problemlösung.
Wie fördern Sie diesen offenen Ansatz bei Unzer?
Eine wichtige Erkenntnis war für uns, dass Transformation nicht allein durch Vorgaben eines zentralen Teams funktioniert, sondern vor allem dadurch, dass Kolleg:innen voneinander lernen. Deshalb haben wir KI-Botschafter:innen in verschiedenen Abteilungen eingeführt. Das sind Mitarbeitende, die die täglichen Abläufe ihrer Teams genau kennen und als Ansprechpartner:innen sowie Sparringspartner:innen unterstützen. Sie helfen dabei, allgemeine KI-Möglichkeiten in konkrete Anwendungsfälle für ihre Teams zu übersetzen.
Darüber hinaus investieren wir intensiv in Schulungen. Dieses Jahr organisieren wir außerdem eine interne KI-Woche – eine Woche, die ganz im Zeichen von Lernen, Austausch und praktischem Ausprobieren steht.
Wie haben sich die KI-Anwendungsfälle bei Ihnen weiterentwickelt?
Sehr deutlich. Anfangs wurde KI vor allem von sogenannten Early Adopters genutzt – typischerweise von Menschen, die viel mit Texten oder Code arbeiten. Heute sehen wir eine deutlich breitere Nutzung über viele Abteilungen hinweg. Der Vertrieb automatisiert Reportings und bereitet Präsentationen für Händler:innen effizienter vor. Compliance-Teams testen automatisierte Dokumentenanalysen. Operations-Teams entwickeln KI-gestützte Prozesse, um Händler:innen schneller unterstützen zu können. Unser Ziel ist, dass alle Mitarbeitenden bei Unzer souverän mit KI arbeiten können.
Was bedeutet das konkret für Sie?
Es bedeutet, dass alle ein gemeinsames Grundverständnis und grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit KI entwickeln. Dazu gehört zu wissen, wann KI sinnvoll unterstützen kann, wann man bewusst darauf verzichten sollte und wie Ergebnisse kritisch bewertet werden müssen. Langfristig wird KI-Kompetenz so selbstverständlich sein wie digitale Grundkenntnisse heute: keine Zusatzqualifikation für wenige, sondern Teil der normalen beruflichen Qualifikation.
Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Innovation und verantwortungsvollem KI-Einsatz – gerade in einem regulierten Fintech?
Verantwortungsvoller KI-Einsatz ist für uns unverzichtbar. Dazu gehören klare Regeln, hohe Datenschutzstandards und immer auch menschliche Kontrolle. KI kann Entscheidungen unterstützen, aber die Verantwortung bleibt stets bei den Mitarbeitenden.
Wie nutzen Sie KI, damit auch Ihre Händler:innen davon profitieren?
Die Vorteile von KI enden nicht bei den Mitarbeitenden von Unzer. Unser Ziel ist es, konkrete Mehrwerte für Händler zu schaffen. Die internen Effizienzgewinne und Automatisierungen helfen uns dabei, schneller zu reagieren, Händler:innen reibungsloser zu onboarden und schneller relevante Einblicke bereitzustellen.
Unsere KI-Lösungen unterstützen beispielsweise dabei, regelmäßige Geschäftsberichte für Händler:innen zu erstellen, Transaktionstrends zu analysieren, Chancen zu erkennen und mögliche Probleme frühzeitig sichtbar zu machen. Künftig möchten wir Händler außerdem spezialisierte KI-Tools zur Verfügung stellen, mit denen sie Prozesse automatisieren, wertvolle Analysen gewinnen und ihren eigenen Kund:innen bessere Erlebnisse bieten können. Am Ende geht es darum, im gesamten Ökosystem konkrete und spürbare Mehrwerte zu schaffen – nicht nur innerhalb unseres eigenen Unternehmens.

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