Meinungen
20.04.2026
Warum Unternehmen von der KI-Nutzung zur KI-Kompetenzentwicklung übergehen müssen
Read More about:
Niv Liran

Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant weiter: von der Testphase zum täglichen Einsatz und von Chatbots hin zu agentenbasierter Arbeit. Allein in den letzten zwei Jahren sind Werkzeuge, die früher hauptsächlich von Data Scientists und Ingenieuren verwendet wurden, für Mitarbeiter:innen im gesamten Unternehmen verfügbar geworden. Besonders generative KI hat die Nutzung dieser Tools deutlich vereinfacht. Heute kann jeder mit natürlicher Sprache auf leistungsfähige KI-Tools zugreifen.

Allerdings folgt auf die zunehmende Verfügbarkeit von KI-Tools nicht immer eine ebenso schnelle und wirkungsvolle Nutzung. Viele Unternehmen beobachten das gleiche Muster: Mitarbeiter:innen probieren KI einige Male aus, das anfängliche Interesse ist groß, und dann nimmt die Nutzung ab, ohne die tägliche Arbeit spürbar zu verändern.

Diese Lücke ist entscheidend: Die Einführung von KI bedeutet nicht hauptsächlich die Einführung von Tools, sondern das Vermitteln, wie Mitarbeiter:innen KI effektiv im Unternehmen einsetzen können. So wie digitale Grundkenntnisse mit dem Einzug des Internets im Arbeitsleben unerlässlich wurden, entwickelt sich KI-Kompetenz rasch zu einer zentralen Schlüsselqualifikation.

Von Zugang zu Fähigkeiten

Wenn Unternehmen neue Technologien einführen, besteht oft der Impuls sicherzustellen, dass alle sie nutzen können. Die Annahme lautet: Wenn Mitarbeiter:innen Zugang zu den Tools haben, werden sie diese selbstständig nutzen und die Produktivität steigt.

Bei KI jedoch verändert allein der Zugang selten die Arbeitsweise. Aufgrund der Vielzahl potenzieller Anwendungsfälle probieren Mitarbeiter:innen ein Tool aus, aber ohne ein klares Verständnis seines Potenzials, seiner Zuverlässigkeit und seiner Einordnung in bestehende Prozesse bleibt der Einsatz meist oberflächlich.

Wirklicher Wandel entsteht erst, wenn Mitarbeiter:innen KI nicht mehr als Spielerei, sondern als nützliches Werkzeug im Arbeitsalltag betrachten. Dieser Wandel erfordert Vertrauen in das Tool – und dieses entsteht durch Übung und Vertrautheit. Deshalb müssen Unternehmen heute weitergehen, als Mitarbeiter:innen nur Zugang zu Tools zu verschaffen: Sie müssen den effektiven Umgang mit KI lehren. Mitarbeitende brauchen Zeit, um zu lernen und zu üben, damit sie konkret erkennen, wie KI ihre Aufgaben unterstützen kann.

KI-Einführung wird durch Funktionen, nicht durch Branchen getrieben

Ein klarer Trend in vielen Branchen ist, dass die Nutzung von KI nicht primär von der Branche abhängt, sondern von der Art der Arbeit, die erledigt wird. Tätigkeiten wie Schreiben, Informationsanalyse, Programmieren, Design oder Contenterstellung nutzen KI schneller als andere Bereiche. Diese informationsintensiven Aufgaben passen gut zu den Einsatzmöglichkeiten generativer KI, also Sprachverarbeitung, Texterstellung und Informationsstrukturierung.

Operative und kundennahe Funktionen hingegen haben oft weniger direkte Einsatzmöglichkeiten für KI-Tools. Das heißt jedoch nicht, dass diese Rollen weniger von KI profitieren könnten – vielmehr ist die Technologie meist noch nicht direkt in operative Tools, Software und Prozesse integriert.

Wenn Unternehmen diese Lücke ignorieren, könnten Effizienzgewinne durch KI hauptsächlich in bestimmten Bereichen entstehen, während andere kaum profitieren. Über die Zeit führt das potenziell zu größeren Unterschieden bei Produktivität und Karrierechancen innerhalb eines Unternehmens. Daher ist es essenziell, KI in zentrale operative Systeme einzubetten, sodass die Vorteile nicht auf das Büro beschränkt bleiben.

Verstehen, was KI gut kann – und wo sie an Grenzen stößt

Ein zentraler Teil von KI-Kompetenz ist es, sowohl die Stärken als auch die Grenzen der Technologie zu kennen. Generative KI ist bereits sehr leistungsfähig bei kurzen, klar umrissenen Aufgaben: Textentwurf, Dokumentenzusammenfassungen, Übersetzungen, Strukturierung von Ideen oder Codegenerierung sind Beispiele, bei denen KI Aufgaben schneller erledigen oder erste Entwürfe liefern kann.

Gleichzeitig sind KI-Systeme weniger stark bei Aufgaben, die viel Kontext, sorgfältige Beurteilung, vollständig deterministische Ergebnisse oder viele aufeinander abgestimmte Schritte erfordern. Lange Projekte mit Spezialwissen, langfristige Planung oder unklare Entscheidungssituationen bleiben Bereiche, in denen menschliche Expertise unverzichtbar ist.

Diese Unterscheidung ist entscheidend: Wer weiß, wo KI gut funktioniert, kann sie gezielt für die richtigen Aufgaben einsetzen – und Zeitverluste durch ungeeignete Anwendungen vermeiden. Wer ihre Grenzen kennt, kann angemessen kontrollieren und Übernutzung verhindern. In der Praxis heißt das: KI ist derzeit am wirkungsvollsten, wenn sie wiederkehrende oder zeitintensive Aufgaben übernimmt, damit Mitarbeiter:innen sich auf Analyse, Entscheidungen, Kreativität und Zusammenarbeit konzentrieren können.

Der Einfluss von Training auf die Produktivität

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus aktuellen Studien und Unternehmensdiskussionen ist, wie entscheidend Training für die Ergebnisse beim KI-Einsatz ist. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Nutzung von KI-Tools geschult wurden, erreichen nachweislich deutlich größere Produktivitätssteigerungen als diejenigen, die sich Tools selbst erschließen. Manchmal sind geschulte Mitarbeiter:innen etwa doppelt so produktiv im Umgang mit KI wie Kolleginnen und Kollegen ohne formale Schulung.

Der Unterschied ist erheblich. Wer den wirksamen KI-Einsatz versteht, spart oft viele Stunden pro Woche – etwa durch Automatisierung, beschleunigte Recherche oder verbesserte Qualität der Arbeitsergebnisse. Interessant ist, dass diese Produktivitätsunterschiede nicht vorrangig vom Alter oder von digitaler Affinität abhängen. Häufig übertreffen ältere Beschäftigte mit gezieltem KI-Training jüngere Kolleginnen und Kollegen, von denen man technisches Verständnis lediglich vermutet, die aber keine Anleitung erhalten haben.

Diese Erkenntnis unterstreicht: KI-Kompetenz hat nichts damit zu tun, ein „Digital Native“ zu sein. Es geht darum, neue Technologien bewusst und strukturiert zu erlernen.

Was KI-Kompetenz wirklich bedeutet

Oft wird beim Stichwort KI-Kompetenz angenommen, es sei tiefes technisches Wissen in Machine Learning oder Data Science gemeint. Tatsächlich ist der Ansatz viel einfacher und praxisnäher. Es geht um Grundverständnis: Wie funktionieren KI-Systeme, wie werden sie sinnvoll im täglichen Arbeitskontext eingesetzt, für welche Probleme kann KI genutzt werden, wo liegen Grenzen und wie bewertet man die Resultate kritisch?

Genauso wichtig ist das Bewusstsein für Risiken: Datenschutz, Bias, Verlässlichkeit und Sicherheit verlangen eine kritische Bewertung. Mitarbeitende müssen wissen, wann KI-Tools passend und wann sie ungeeignet sind – und welche Informationen sie mit KI teilen dürfen. Letztlich geht es darum, Mitarbeiter:innen zu befähigen, KI im Rahmen ihres Arbeitsalltags selbstbewusst und verantwortungsvoll einzusetzen.

Eine Kultur der Experimente fördern

Technologische Veränderungen gelingen selten nur durch Programme von oben. Führung kann zwar Schwerpunkte und Tools vorgeben, aber echter Wandel entsteht, wenn Teams neue Werkzeuge eigenständig in ihre Arbeitsabläufe testen. Dafür braucht es eine Unternehmenskultur, in der Experimentieren und Fragenstellen erwünscht sind. Mitarbeiter:innen sollen sich wohlfühlen, neue Tools auszuprobieren, Ideen zu testen und Erfolge sowie Lernerfahrungen offen zu teilen.

Ein effektives Mittel sind interne Gruppen von KI-Champions, die zentrale Technologieteams und Fachbereiche verbinden. Sie kennen die Herausforderungen und Workflows ihrer Teams und können helfen, allgemeine KI-Funktionen in konkrete Anwendungen zu übersetzen.

In vielen Unternehmen entstehen die innovativsten KI-Anwendungen gerade aus unerwarteten Teams: Vertrieb nutzt KI für schnellere Kundenbriefings, Compliance prüft große Dokumentenmengen effizienter, Operations testet KI-gestützte Abläufe zur Optimierung der Reaktionszeiten.

Diese Beispiele zeigen: Innovation muss nicht auf Technikabteilungen beschränkt sein. Wenn Mitarbeiter:innen aus allen Bereichen eingeladen werden zu experimentieren, entstehen neue Möglichkeiten ganz natürlich.

Verantwortungsvolle KI als Grundlage

Mit der breiteren Nutzung von KI im Arbeitsalltag gewinnt verantwortungsvoller Umgang zunehmend an Bedeutung – besonders in Branchen, in denen Vertrauen, Compliance und Regulierung zentral sind. Unternehmen müssen klare Regeln und Kontrollmechanismen schaffen, damit KI sorgfältig und angemessen eingesetzt wird. Datenschutz, Transparenz und menschliche Kontrolle sollten dabei stets Leitprinzipien bleiben.

KI hilft bei Analyse und Entscheidungsfindung – aber die Verantwortung bleibt immer bei den Menschen. Mitarbeiter:innen müssen nicht nur wissen, wie sie KI wirksam einsetzen, sondern auch, wo die Grenzen liegen.

Verantwortungsvolle KI ist also kein separates Thema, sondern ein integraler Bestandteil von KI-Kompetenz.

Die nächste Stufe der Arbeitswelt-Kompetenzen

Ein Blick zurück zeigt: Auch frühere Technologieschübe folgten ähnlichen Mustern. Computerkompetenzen waren anfangs eine Spezialistendisziplin, das Internet den „Computerfreaks“ vorbehalten. Im Lauf der Zeit wurden digitale Grundkenntnisse dann Standard für die meisten Berufe. Genau diesen Wandel erleben wir nun mit KI.

In den kommenden Jahren wird KI-Kompetenz vermutlich so grundlegend sein wie heute digitale Kompetenz. Beschäftigte aller Bereiche werden verstehen müssen, wie sie KI-Tools angemessen einsetzen, deren Resultate interpretieren und KI in ihre tägliche Arbeit integrieren.

Erfolgreiche Unternehmen werden nicht unbedingt diejenigen mit der fortschrittlichsten Technologie sein, sondern diejenigen, die in ihre Menschen investieren – durch Training, Experimente und eine lernfreundliche Kultur. Am Ende geht es bei der KI-Transformation nicht darum, menschliche Expertise zu ersetzen, sondern Menschen zu befähigen, klüger zu arbeiten, sich auf höherwertige Aufgaben zu konzentrieren und Arbeitsprozesse neu zu denken.

Voices from our Leadership

Read more
AI & Innovation
26.05.2026
Meinungen
14.05.2026

Vom Händleronboarding bis zur Transaktion: Warum KI das Payment-Ökosystem stabilisiert

Jacob von Ingelheim
Jacob von Ingelheim
Meinungen
Future of Payments
14.04.2026
Meinungen
09.04.2026

Onboarding ist kein Verwaltungsakt - Warum Zahlungsanbieter umdenken müssen

Jacob von Ingelheim
Jacob von Ingelheim
Meinungen
Trust & Responsibility
09.02.2026
Meinungen
15.04.2026

Das macht doch jetzt KI? Warum erprobte Fraud-Regeln nicht ausgedient haben

Jacob von Ingelheim
Jacob von Ingelheim
Meinungen
Trust & Responsibility
28.04.2026
Meinungen
13.05.2026

Vom regulatorischen Eingriff zum zertifizierten Unternehmen: Wo Unzer 2026 steht

Dr. Max Steiger
Dr. Max Steiger
Meinungen